Stiller Reflux: Warum nichts kaputt ist

Shownotes

Wenn du wegen Stillem Reflux beim Arzt warst, kennst du den Satz vermutlich: Ihr Schließmuskel schließt nicht richtig. Manchmal steht auch Insuffizienz im Befund. Das klingt nach Verschleiß, nach etwas Kaputtem – und es hinterlässt das Gefühl, selbst nichts tun zu können.

Bei den allermeisten Betroffenen mit Stillem Reflux stimmt diese Erklärung nicht. Der Verschluss zwischen Magen und Speiseröhre steht nicht offen. Er öffnet sich – kurz, reflexhaft, mehrmals am Tag. Genau wie bei jedem gesunden Menschen auch.

In dieser Folge nehme ich dich einmal komplett durch das neue Erklärmodell mit:

Tor 1: Was die Öffnung auslöst, und warum deine Öffnungsrate völlig normal ist Tor 2: Warum der Verschluss aus zwei verschiedenen Muskeln besteht und nur einer davon trainierbar ist Tor 3: Warum das Refluat gasförmig ist und deshalb weiter kommt Tor 4: Der Gasablass-Reflex – warum der obere Schließmuskel nicht versagt, sondern genau das tut, wofür er gebaut ist Tor 5: Warum zwei Menschen mit gleich viel Reflux unterschiedlich stark leiden Die Verstärkerachse: Wo das Nervensystem an vier von fünf Toren mitdreht

Diese Folge ist Teil 1 von zwei. Nächste Woche folgt die Frage, die mich am häufigsten erreicht: Warum ich – und nicht der Kollege, der alles verträgt?

Außerdem erkläre ich, warum ich sage, dass sich die Begründung ändert und nicht die Empfehlungen – und was Zwerchfellarbeit tatsächlich leistet.

Was du mitnimmst: Ein defekter Verschluss lässt sich nur operieren oder medikamentös umgehen. Ein Reflex dagegen hat Auslöser – Mahlzeitengröße, Gasbildung, Magenentleerung, Anspannung. Das sind vier Ansatzpunkte statt einem. Mehr Arbeit, aber Arbeit, an die du selbst herankommst.

Alle Quellenangaben findest du im ausführlichen Artikel, verlinkt in den Shownotes.

Links: Artikel zum Erklärmodell: https://magenkompass.de/das-erklaermodell-wie-stiller-reflux-wirklich-entsteht/

Der ausführliche Artikel: https://magenkompass.de/problem-speiseroehrenschliessmuskel/

Zwerchfell und Reflux – was der Muskel wirklich leistet: https://magenkompass.de/zwerchfell-und-reflux/

Tool Zwerchfell & Entspannung: https://magenkompass.de/tool-zwerchfell-entspannung/

Kostenloses E-Book Zwerchfelltraining: https://magenkompass.de/newsletter-mit-e-book/

Orientierungsgespräch: https://magenkompass.de/einzelberatungen/

Transkript anzeigen

00:00:00: Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge. Heute wird es anders als sonst. Normalerweise nehme ich mir ein Thema vor und erkläre es dir.

00:00:09: Heute erkläre ich dir, warum ich dir in Zukunft etwas anderes erklären werde als bisher.

00:00:16: Das klingt jetzt vielleicht nach einer Ankündigung, die man überspringen kann, ist es aber nicht.

00:00:22: Es geht um die Frage, warum stiller Reflux überhaupt entsteht und die Antwort, die ich dir bisher gegeben habe, war unvollständig.

00:00:32: Nicht falsch, unvollständig.

00:00:44: Du kämpfst mit stillem Reflux und suchst endlich Antworten, die wirklich Sinn ergeben?

00:00:49: Willkommen bei Stiller Reflux, dem Magenkompass-Podcast.

00:00:53: Ich bin Andi und hier geht es darum, Stillen Reflux zu erkennen, neu zu denken und anders zu handeln.

00:01:01: Fundiert, ganzheitlich und alltagstauglich.

00:01:05: Raus aus dem Beschwerdekarussell, hinein in deine Selbstwirksamkeit.

00:01:09: Stiller Reflux, dein Podcast für mehr Verständnis, Balance und Lebensqualität.

00:01:16: Der Unterschied ist wichtig und ich komme gleich darauf zurück.

00:01:20: Was passiert ist? Ich habe im vergangenen Jahr sehr viel Literatur gelesen, die es zum Teil vor fünf Jahren noch gar nicht gab.

00:01:28: Und irgendwann war klar, dass die gängige Erklärung die, die in fast jedem Ratgeber steht,

00:01:36: die, die du wahrscheinlich beim Arzt gehört hast und die, die ich in meinen älteren Artikeln auch verwendet habe,

00:01:44: dass diese Erklärung an der entscheidenden Stelle daneben trifft.

00:01:49: Gängige Erklärung lautet, der Schließmuskel zwischen Magen und Speiseröhre ist schwach, deshalb kommt etwas hoch.

00:01:59: Und das stimmt bei den allermeisten Betroffenen mit stillem Reflux überhaupt nicht.

00:02:08: Ich nehme dich heute einmal komplett mit durch, was stattdessen passiert.

00:02:14: Es sind fünf Stationen. Ich nenne sie Tore.

00:02:20: Weil an jeder Stelle etwas durchkommen muss, dass am Ende Beschwerden entstehen.

00:02:26: Dazu kommt eine sechste Ebene, die quer durch alles hindurchläuft.

00:02:31: Dein Nervensystem.

00:02:33: Am Ende weißt du, warum ich sage, bei stillem Reflux ist nichts kaputt.

00:02:39: Und du wirst sehen, das ist keine Beruhigungsformel,

00:02:43: Das ist der praktische Kern der ganzen Sache.

00:02:48: Was sich geändert hat und was nicht, fangen wir mit dem Unangenehmen an.

00:02:57: Wenn du Artikel von mir aus den Jahren 2022, 2021 und 20 liest,

00:03:05: findest du dort Formulierungen wie

00:03:08: Die Barriere ist geschwächt.

00:03:14: oder der Druck im Bauchraum drückt nach oben.

00:03:16: Das sind Beschreibungen, die aus dem alten Modell stammen.

00:03:21: Jetzt könnte ich hier sagen, ich habe mich geirrt,

00:03:25: mache ich aber nicht und zwar aus einem sachlichen Grund.

00:03:29: Was in diesen Artikeln steht,

00:03:33: die Empfehlungen, die konkreten Empfehlungen und konkreten Maßnahmen,

00:03:40: Das bleibt richtig.

00:03:42: Zwerchfellarbeit ist weiterhin sinnvoll.

00:03:45: Die Arbeit am Nervensystem ist weiterhin sinnvoll.

00:03:49: Die Ernährungsprinzipien bleiben.

00:03:52: Der Vagusnerv bleibt.

00:03:54: Was sich verschiebt, ist die Begründung.

00:03:58: Und zwar deutlich.

00:04:00: Das ist mehr als Wortklauberei und ich sage dir auch warum.

00:04:05: Wenn dein Schließmuskel schwach ist, dann ist etwas defekt.

00:04:10: Und was macht man mit etwas Defektem?

00:04:12: Man repariert es oder man umgeht es.

00:04:15: Operation oder Tabletten.

00:04:19: Das alte Modell rechtfertigt streng genommen genau zwei Dinge

00:04:23: und beide bekommst du verschrieben.

00:04:26: Wenn sich dagegen ein Reflex zu oft auslöst,

00:04:30: dann hat dieser Reflex Auslöser.

00:04:34: Und an Auslöser kommt man heran.

00:04:39: Das ist der ganze Unterschied. Von einem Zustand, den man hinnimmt, zu einem Ereignis, das man beeinflusst.

00:04:48: Ich werde übrigens in den kommenden Wochen einige Artikel überarbeiten und ältere Podcast-Folgen mit einem kurzen Hinweis versehen.

00:04:55: Nicht heimlich, sondern sichtbar. Bei einem Thema wie diesem finde ich es wichtiger, nachvollziehbar zu sein, als makellos zu wirken.

00:05:06: Tor 1. Was die Öffnung auslöst.

00:05:10: Also von vorn, was passiert wirklich?

00:05:14: Zwischen Speiseröhre und Magen gibt es einen Verschluss, der ist normalerweise zu.

00:05:19: Damit du etwas essen kannst, muss er sich öffnen.

00:05:22: Das passiert beim Schlucken ganz automatisch.

00:05:27: Er öffnet sich aber noch bei einer zweiten Gelegenheit.

00:05:31: Die ist der Schlüssel zum ganzen Thema.

00:05:34: Wenn sich dein Magen dehnt, weil du gegessen hast, weil du getrunken hast, weil sich Gas gebildet hat, dann melden Dehnungsrezeptoren in der Magenwand das nach oben.

00:05:47: Und der Verschluss öffnet sich kurz. Der Fachbegriff dafür lautet transiente Relaxation, vorübergehende Erschlaffung.

00:06:00: Und jetzt kommt der Punkt, der alles dreht. Das ist kein Fehler. Das ist ein Entlüftungsmechanismus, den jeder gesunde Mensch hat. Mehrmals am Tag. Du, ich, deine Nachbarin.

00:06:18: Willst du wissen, wie oft?

00:06:21: In Druckmessungen liegt die Rate bei Menschen mit Reflux bei etwa 5 Öffnungen pro Stunde.

00:06:29: Bei Menschen ohne Reflux bei 4,5.

00:06:34: 5 gegen 4,5.

00:06:37: Das ist praktisch identisch.

00:06:41: Lass das kurz sacken.

00:06:43: Dein Verschluss öffnet sich nicht häufiger als der eines gesunden Menschen.

00:06:48: Der Unterschied liegt woanders, nämlich darin, was bei diesen Öffnungen mitkommt und wie weit es kommt.

00:06:57: Und jetzt aufgepasst, weil ich das gleich noch brauche und es sonst verwirrend wird.

00:07:02: Diese Zahl ist ein Vergleich zwischen Menschen.

00:07:05: Sie sagt, dass du keinen dauerhaft erhöhten Grundwert hast.

00:07:11: Sie sagt nicht, dass die Zahl bei dir den ganzen Tag gleich bleibt.

00:07:16: Nach einer großen Mahlzeit löst der Reflex häufiger aus als nüchtern, bei dir und bei jedem anderen auch.

00:07:26: Beides gilt gleichzeitig.

00:07:28: Und das zweite ist der Grund, warum sich überhaupt etwas machen lässt.

00:07:35: Trotzdem lohnt es sich an dieser Stelle zu arbeiten, denn wovon hängt ab, wie oft der Reflex ausgelöst wird? Von der Dehnung und die kannst du beeinflussen. Über das Mahlzeitenvolumen, wie viel auf einmal.

00:07:52: Über die Gasbildung, was im Darm gärt, was du an Kohlensäure trinkst, wie viel Luft du beim Essen schluckst.

00:08:01: Über die Magenentleerung, bleibt der Inhalt liegen, dehnt er länger.

00:08:07: Und über die Akkommodation das ist die Fähigkeit deines oberen Magens, sich beim Essen zu entspannen und Volumen aufzunehmen, ohne dass der Druck steigt.

00:08:19: Die wird vom Vagusnerv gesteuert. Merk dir das! Wir kommen darauf zurück.

00:08:27: Das ist Tor 1. Die Leitfrage lautet ab heute nicht mehr, was schwächt den Muskel, sondern was löst den Reflex aus.

00:08:37: Und noch etwas zur Hiatushernie, dem Zwerchfellbruch, weil ich weiß, dass viele von euch die haben.

00:08:44: Die ist nicht bedeutungslos, sie wirkt nur anders als erzählt.

00:08:50: Ich erkläre dir kurz, was da passiert.

00:08:53: Die Speiseröhre tritt durch eine Öffnung im Zwerchfell in den Bauchraum.

00:08:58: Das ist die Hiatus-Schlinge.

00:09:01: Bei einer Hernie erweitert sich diese Öffnung und ein Teil des oberen Magens rutscht nach oben durch in den Brustraum hinein.

00:09:12: Was viele jetzt denken, dann steht da oben etwas offen. Tut es aber nicht, was passiert, ist subtiler und interessanter.

00:09:23: Der obere Magen ist der Teil, der sich beim Essen ausdehnen soll.

00:09:27: Er nimmt das Volumen auf, ohne dass der Druck stark ansteigt.

00:09:32: Das ist die Akkommodation, von der ich eben gesprochen habe.

00:09:36: Rutscht dieser Teil aber durch die Zwerchfellenge nach oben, wird er von der Muskelschlinge eingeschnürt.

00:09:43: Der Bereich, der sich eigentlich weiten soll, hat weniger Spielraum.

00:09:49: Und was folgt daraus?

00:09:51: Die Dehnungsrezeptoren melden früher.

00:09:54: Du isst dieselbe Portion wie vorher, aber der kritische Dehnungszustand ist schneller erreicht.

00:10:01: Der Reflex löst früher aus und er löst öfter aus.

00:10:07: Das ist der eigentliche Effekt der Hernie.

00:10:10: Sie senkt die Schwelle. Sie reißt keine Tür auf.

00:10:15: Messbar ist das übrigens.

00:10:18: Die Häufigkeit der Reflexöffnung steigt proportional dazu, wie weit Schließmuskel und Zwerchfellenge auseinanderliegen.

00:10:27: Je größer der Abstand, desto häufiger.

00:10:31: Wer die Hernie also komplett wegdiskutiert, verliert ein echtes Argument.

00:10:35: Sie zählt nur eben an dieser Stelle und das erklärt auch, warum kleinere Mahlzeiten bei Menschen mit Hernie oft besonders viel bringen.

00:10:48: Evidenz, dass die Auslösefrequenz mit dem Abstand steigt, ist belegt.

00:10:54: Dass die eingeschränkte Ausdehnung des oberen Magens die Erklärung dafür ist, ist plausibel und mechanisch nachvollziehbar, aber nicht in dieser Form gemessen.

00:11:07: Tor 2 – Zwei Muskeln an einem Ort

00:11:10: Kommen wir zu dem Muskel, um den es angeblich geht.

00:11:15: Der Verschluss zwischen Speiseröhre und Magen besteht nämlich nicht nur aus einem Muskel, sondern aus zwei.

00:11:22: Sie sitzen am selben Ort, sie überlagern sich und sie sind vollkommen verschieden.

00:11:29: Der erste ist der untere Speiseröhrenschließmuskel.

00:11:33: Er besteht aus glatter Muskulatur, dieselbe Gewebeart wie in deiner Darmwand oder in deinen Blutgefäßen.

00:11:42: Und jetzt der entscheidende Punkt.

00:11:44: Zu diesem Muskel führt kein willkürlicher Nerv.

00:11:48: Du kannst ihn nicht anspannen, so wenig wie du deine Pupille willkürlich verengen kannst.

00:11:56: Der zweite sind die Zwerchfellschenkel.

00:11:59: Die entspringen an deiner Lendenwirbelsäule, ziehen von dort nach oben

00:12:04: und ihre Fasern bilden die Öffnung, durch die die Speiseröhre in den Bauchraum tritt.

00:12:11: Das ist quergestreifte Muskulatur.

00:12:15: Skelettmuskulatur, die kannst du trainieren.

00:12:21: Zwei Muskeln, eine Stelle, einer trainierbar, einer nicht.

00:12:26: Und jetzt kommt der unbequeme Teil und ich sage ihn dir ungern,

00:12:30: weil ich weiß, dass viele von euch fleißig Zwerchfellübungen machen.

00:12:36: Bei der reflexhaften Öffnung werden beide gleichzeitig abgeschaltet,

00:12:41: auch das Zwerchfell.

00:12:43: Das heißt, ein noch so gut trainiertes Zwerchfell verhindert diese Öffnung nicht, der Reflex läuft trotzdem.

00:12:54: Bevor du jetzt die Übung in die Ecke wirfst, warte.

00:12:57: Ich komme darauf zurück und die Nachricht ist besser, als sie gerade klingt.

00:13:03: Erst noch zu einer Formulierung, die du überall findest und die du ab jetzt kritisch anschauen solltest.

00:13:11: Den Schließmuskel stärken oder den Schließmuskel trainieren, das geht nicht.

00:13:18: Nicht, weil es schwierig wäre, sondern weil dorthin keine Leitung führt.

00:13:22: Es gibt keinen Nerv, über den du diesen Muskel ansteuern könntest.

00:13:27: Was du beeinflussen kannst, sind die Reflexe, die ihn steuern.

00:13:33: Das ist ein Unterschied wie zwischen ich schiebe das Auto und ich fahre das Auto.

00:13:39: Beides bewegt das Auto, nur eines davon funktioniert.

00:13:45: Übrigens, weil ich dazu manchmal Post bekomme, was ist mit Schwertschluckern?

00:13:50: Die kriegen doch beide Schließmuskeln auf.

00:13:53: Ja, aber sie lernen zu öffnen, nicht zu schließen.

00:13:57: Dass jemand willkürlich die Grundspannung erhöht hätte, ist nirgends dokumentiert.

00:14:04: Und kleine Pointe am Rande, Schwertschlucker entwickeln Reflux als Berufskrankheit.

00:14:10: Was sie trainieren, erzeugt mehr Reflux, nicht weniger.

00:14:15: Gut, der Verschluss hat sich geöffnet, etwas steigt auf.

00:14:20: Was denn nun eigentlich?

00:14:21: Beim klassischen Sodbrennen ist das flüssiger Mageninhalt.

00:14:25: Der benetzt die Schleimhaut der Speiseröhre bleibt dort und erzeugt das Brennen hinter dem Brustbein, das jeder kennt.

00:14:33: Beim stillen Reflux ist das Refluat überwiegend gasförmig.

00:14:38: Und Gas verhält sich physikalisch völlig anders als Flüssigkeit.

00:14:42: Es breitet sich schneller aus, es steigt weiter nach oben und gerade wenn du aufrecht sitzt oder stehst.

00:14:51: Und es hinterlässt keinen zusammenhängenden Flüssigkeitsfilm.

00:14:56: Deshalb fehlt bei dir das Brennen.

00:15:00: Und jetzt bitte genau hinhören.

00:15:03: weil dieser Satz vielen von euch schon viel Ärger erspart hätte.

00:15:07: Kein Brennen heißt nicht kein Reflux, es heißt kein Flüssigkeitskontakt in der Speiseröhre.

00:15:17: Das ist der Grund, warum du jahrelang zum HNO-Arzt gehen kannst,

00:15:21: ohne dass jemand auf die Idee kommt, in den Magen zu schauen.

00:15:25: Das Leitsymptom fehlt, nicht die Erkrankung.

00:15:32: Dafür kommt das Gas weiter, bis in Kehlkopf, Rachen, manchmal bis in die Nasennebenhöhlen und dort ist die Schleimhaut deutlich empfindlicher als in der Speiseröhre.

00:15:43: Und es transportiert etwas mit, Pepsin.

00:15:46: Es ist ein Enzym, das in deinem Magen Eiweiße verdaut.

00:15:50: Es lagert sich in die Zellen der Schleimhäute ein und wird reaktiviert, sobald etwas Saures dazu kommt.

00:15:57: Das ist die Verschiebung, um die es hier eigentlich geht.

00:16:01: Nicht die Menge des Refluats ist bei dir das Problem, sondern seine Reichweite.

00:16:09: Tor 4, der Rülpsreflex.

00:16:12: Und jetzt kommt die Stelle, die mich beim Lesen am meisten überrascht hat.

00:16:16: Das ist für mich der stärkste Punkt im ganzen Modell.

00:16:20: Denn eine Frage ist bisher offen.

00:16:22: Zwischen Speiseröhre und Rachen sitzt doch noch ein zweiter Schließmuskel.

00:16:27: Warum hält der das Gas nicht auf?

00:16:30: Die Antwort lautet, weil er es nicht soll.

00:16:36: Der obere Schließmuskel öffnet gezielt für Gas.

00:16:39: Das ist seine Aufgabe.

00:16:41: Sitz ein Mensch aufrecht, entspannt er sich bei rund 81% der Öffnung weiter unten.

00:16:46: Diese Entspannung ist zu 92% damit verbunden, dass Luft im Refluat ist.

00:16:54: Auf Flüssigkeit reagiert er genau umgekehrt.

00:16:57: Da bleibt der Druck gleich oder steigt sogar an.

00:17:00: Er ist also kein Türsteher, der versagt, er ist ein Gasablass, der genau das tut, wofür er gebaut ist.

00:17:09: Und damit sind wir bei dem Bild, das für mich das ganze Modell trägt.

00:17:14: Stiller Reflux nutzt deinen Rülpsreflex.

00:17:19: Die transiente Relaxation ist der Aufstoßreflex.

00:17:24: Jeder Mensch hat ihn, mehrmals täglich, meist unbemerkt.

00:17:28: Bei dir kommt mit dem Gas etwas mit hoch, das dort nichts zu suchen hat.

00:17:35: Dieses eine Bild erklärt vier Dinge auf einmal.

00:17:38: Warum bei dir nichts kaputt ist, warum die Untersuchungen unauffällig bleiben,

00:17:43: warum es gasförmig ist und warum es bis in den Hals kommt.

00:17:49: Und falls du jetzt denkst, das sei eine hübsche Metapher und sonst nichts,

00:17:53: es gibt einen Gegenbeweis.

00:17:56: Es existiert nämlich das genaue Gegenteil als eigenständiges Krankheitsbild.

00:18:02: Bei der retrograden, krikopharyngealen Dysfunktion können Betroffene nicht aufstoßen.

00:18:11: Ihr oberer Schließmuskel öffnet bei Gasreflux eben nicht.

00:18:16: Stattdessen bauen sie Druck hinter dem Brustbein auf, sie gurgeln hörbar und leiden erheblich.

00:18:23: Dass diese Erkrankung existiert, beweist, bei allen anderen ist diese Öffnung ein funktionierender Reflex, kein Versagen.

00:18:35: Auch hier ist die Evidenz belegt.

00:18:40: Fünftes Tor.

00:18:41: Und das erklärt etwas, das viele von euch verrückt macht.

00:18:45: Zwei Menschen haben gleich viel Reflux.

00:18:48: Die eine liegt flach, der andere merkt kaum etwas.

00:18:51: Wie kann das sein?

00:18:54: Der Unterschied liegt im Gewebe und ich sage das jetzt sehr bewusst so, im Gewebe, nicht im Kopf.

00:19:02: Drei Mechanismen sind beschrieben.

00:19:04: Erstens kann die Barrierefunktion der Schleimhaut herabgesetzt sein.

00:19:09: Die Zellzwischenräume weiten sich.

00:19:12: Der elektrische Widerstand des Gewebes sinkt und zwar messbar.

00:19:17: Und Reize erreichen die Schmerzrezeptoren, die sonst geschützt liegen.

00:19:23: 2. Kann die Empfindlichkeit gegenüber chemischen Reizen erhöht sein.

00:19:29: Reize, die normalerweise unter der Wahrnehmungsschwelle bleiben, werden gespürt.

00:19:35: 3. Können anhaltende Muskelkontraktionen in der Speiseröhrenwand entstehen,

00:19:41: ausgelöst über einen kurzen Reflexbogen von den Schmerzrezeptoren aus.

00:19:49: Ich möchte an dieser Stelle etwas sehr deutlich sagen, weil ich weiß, wie viele von euch das gebraucht hätten.

00:19:58: Erweiterte Zellzwischenräume kann man messen, einen gesunkenen elektrischen Widerstand kann man messen.

00:20:04: Das sind Eigenschaften deines Gewebes, keine Eigenschaften deiner Person.

00:20:10: Wenn dir jemand gesagt hat, du seist zu sensibel oder du würdest dich hineinsteigern, dann hat er einen messbaren Befund mit einem Charakterurteil verwechselt.

00:20:22: Und jetzt der Punkt, der das mit dem stillen Reflux verbindet.

00:20:26: Die Schmerzrezeptoren werden bereits bei einem pH-Wert zwischen etwa 5,2 und 6,9 aktiviert.

00:20:36: Das ist kaum sauer. Es braucht also gar keine starke Säure, damit du Beschwerden hast.

00:20:45: Schwach saures Gas mit Pepsin genügt.

00:20:49: Und genau deshalb kann deine pH-Messung unauffällig sein, während es dir schlecht geht.

00:20:59: Das ist teils belegt und teils plausibel.

00:21:03: Genauen pH-Grenzwerte stammen aus Untersuchungen an der Speiseröhre.

00:21:08: Die Übertragung auf den Rachen ist plausibel, aber nicht im gleichen Maß belegt.

00:21:15: Die Verstärkerachse, dein Nervensystem.

00:21:18: So, fünf Tore, aber es fehlt noch etwas, und zwar für einen Teil von euch das Wichtigste.

00:21:25: Denn es gibt Betroffene, bei denen alle fünf Tore weitgehend unauffällig sind und die trotzdem erhebliche Beschwerden haben.

00:21:33: Für die reicht das Modell nicht, die brauchen eine zweite Achse und die liegt quer zu allem, was ich bisher erzählt habe

00:21:42: Das Nervensystem ist kein sechstes Tor, es ist der Regler an 4 von 5

00:21:48: An Tor 1 steuert es über den Vagusnerv, wie gut sich dein oberer Magen beim Essen entspannt und wie zügig er sich entleert und damit wie oft der Reflex ausgelöst wird

00:22:01: An Tor 2 wirkt der Sympathikotonus auf die Grundspannung beider Komponenten.

00:22:12: An Tor 4, und das ist der interessanteste Befund, findet man beim Kloßgefühl im Hals keinen schwachen, sondern einen erhöhten Druck im oberen Schließmuskel.

00:22:24: Das ist die zweite Widerlegung der Schwächerzählung an einer völlig anderen Stelle.

00:22:30: Da ist nichts schlaff, da ist etwas verspannt.

00:22:35: Und an Tor 5 reguliert es die Empfindlichkeit des Gewebes, peripher und zentral.

00:22:42: Für die Gruppe, bei der viel über diesen Regler läuft, reicht der Satz, es ist nichts kaputt, nicht aus.

00:22:52: Die brauchen einen zweiten.

00:22:54: Dein Nervensystem hat gelernt zu warnen.

00:22:58: Und Lernen ist umkehrbar.

00:23:01: Das ist Neurophysiologie, das ist keine Psychologisierung.

00:23:06: Und ich sage das mit Nachdruck, weil ich weiß, wovor ihr geflohen seid.

00:23:12: ein praktischer Hinweis, wie du herausfindest, ob das bei dir eine große Rolle spielt.

00:23:19: Verschwinden deine Beschwerden im Urlaub und wie schnell kommen sie nach der Rückkehr wieder?

00:23:24: Kommen sie schnell zurück, innerhalb weniger Tage, dann läuft bei dir viel über diese Achse.

00:23:30: Dann liegt dein Schwerpunkt bei Tor 5 und beim Nervensystem. Dauert es länger,

00:23:35: liegt mehr Gewicht auf der Mechanik, also auf den Toren 1 bis 4.

00:23:41: Das ist übrigens klinische Beobachtung, keine Diagnostik. Als Einordnungshilfe brauchbar,

00:23:47: mehr nicht. Was sich für dich ändert und was nicht? Nun die Frage, die du dir die ganze Zeit

00:23:56: stellst: "Was mache ich jetzt anders?" Die ehrliche Antwort ist erstaunlich wenig und

00:24:03: das ist eine gute Nachricht. Zwerchfellarbeit bleibt, Ernährung bleibt, Nervensystem bleibt,

00:24:11: Vagus bleibt, die vier Säulen stehen. Was sich ändert ist, warum du es tust und das verändert,

00:24:19: wie du es tust. Nehmen wir das Zwerchfell, weil ich dir da vorhin etwas Unangenehmes gesagt habe.

00:24:27: Zwerchfelltraining verhindert die reflexhafte Öffnung nicht, das bleibt so, daran ändert sich

00:24:32: nichts. Wenn der Reflex läuft, werden beide Komponenten abgeschaltet und da hilft kein

00:24:38: Training. Aber, und jetzt kommen drei Dinge, die es sehr wohl tut. Erstens, der Grundtonus

00:24:46: zwischen den Öffnungen. Zwischen den Reflexöffnungen ist der Verschluss zu und daran ist das

00:24:52: Zwerchfell beteiligt und das wirkt genau in den Momenten, in denen du sonst Reflux bekommst.

00:24:59: Beim Heben, beim Bücken, beim Pressen, beim Husten.

00:25:04: Das ist untersucht worden mit einer Scheinbehandlung als Kontrollgruppe.

00:25:10: Also mit einer Vergleichsgruppe, die auch etwas gemacht hat, nur eben nicht das Richtige.

00:25:15: In dieser Untersuchung löste kräftiges Pressen bei etwa zwei Dritteln der betroffenen Reflux aus.

00:25:22: Und Zwerchfellatmung direkt nach dem Essen senkte die Zahl der Refluxereignisse deutlich.

00:25:30: Nicht die Zahl der Reflexöffnungen, die Zahl der Ereignisse, bei denen tatsächlich etwas hochkommt.

00:25:38: Der Reflex läuft weiter, aber er führt seltener zu Reflux.

00:25:43: Zweitens die Reinigung.

00:25:46: Regelmäßige Bauchatmung senkt die Zeit, in der das Refluat einwirkt.

00:25:51: Es kommt also nicht seltener hoch, es geht schneller wieder weg.

00:25:57: Und jetzt pass auf, denn hier schließt sich der Kreis zu allem, was ich dir vorhin über Tor 3 erzählt habe.

00:26:03: Wenn dein Problem die Reichweite des Refluats ist und nicht seine Menge.

00:26:10: Wenn also das Entscheidende ist, wie weit es kommt, wie lange es oben bleibt,

00:26:16: dann ist schnellere Reinigung nicht irgendein Nebeneffekt.

00:26:21: dann ist das der Hebel, der bei dir am direktesten an der Beschwerdeursache ansetzt.

00:26:28: Bei klassischem Sodbrennen ist Clearance nett, bei stillem Reflux ist sie zentral.

00:26:37: Die Bedingungen an Tor 1.

00:26:39: Ein Zwerchfell, das sich vollständig bewegt, massiert bei jedem Atemzug die Bauchorgane.

00:26:45: Das unterstützt die Magenentleerung.

00:26:48: und was sich zügiger entleert, dehnt weniger lange.

00:26:53: Weniger Dehnung heißt, der Reflex wird seltener ausgelöst.

00:26:57: Dazu kommt, Zwerchfellatmung wirkt auf den Vagusnerv

00:27:01: und der steuert, wie gut sich dein oberer Magen beim Essen entspannt.

00:27:07: Fassen wir das mal zusammen.

00:27:09: Zwerchfellarbeit verhindert die Öffnung nicht.

00:27:12: Sie stützt in den Belastungsmomenten.

00:27:17: Sie räumt schneller auf und sie verbessert die Bedingungen, unter denen der Reflex überhaupt ausgelöst wird.

00:27:24: Zwerchfellarbeit ist bei stillem Reflux also nicht weniger sinnvoll als bisher gedacht, sie ist besonders sinnvoll.

00:27:33: Nur aus einem anderen Grund als bisher erzählt.

00:27:40: Und weil ich ehrlich bleiben will, über den Tag verteilt gerechnet,

00:27:44: unterschied sich die Zwerchfellgruppe in dieser Untersuchung nicht von der Scheinbehandlung.

00:27:49: Der deutliche Effekt lag im Fenster nach dem Essen.

00:27:55: Was das praktisch heißt, der Zeitpunkt ist wichtiger als die meisten denken.

00:27:59: Nicht irgendwann am Tag 5 Minuten atmen, sondern nach dem Essen.

00:28:06: Das ist belegt, die Studien sind klein, zwischen 19 und 23 Teilnehmenden.

00:28:16: Ach, und eine Warnung noch, weil dir das begegnen wird.

00:28:19: Du wirst Überschriften finden, wie Studie zeigt, Atemtraining stärkt den Schließmuskel.

00:28:25: Da ist etwas dran gemessen worden, aber der Schluss stimmt nicht.

00:28:31: Was in solchen Messungen ansteigt, ist der Wert, der beide Muskeln in einer einzigen Zahl erfasst und trainierbar ist davon nur einer, der Zwerchfellanteil.

00:28:46: 4 Sätze noch, damit du das Modell nicht in die falsche Richtung mitnimmst.

00:28:51: 1. Ich sage nicht, dass der Schließmuskel bei allen gesund ist.

00:28:55: Bei einer Minderheit, vor allem bei schweren Verläufen mit sichtbaren Schäden, ist die Grundspannung tatsächlich niedrig.

00:29:04: Bei stillem Reflux ist das die Ausnahme.

00:29:08: Zweitens, die Hiatushernie ist nicht egal, sie schnürt den Teil des Magens ein, der sich beim Essen ausdehnen soll

00:29:18: und senkt damit die Schwelle, ab der der Reflex ausgelöst wird.

00:29:22: Drittens, Zwerchfelltraining repariert nichts, weil auch nichts kaputt ist.

00:29:29: Es verbessert die Bedingungen und es führt zu weniger Ereignissen.

00:29:33: Weniger spektakulär, dafür haltbar.

00:29:36: Viertens, Empfindlichkeit ist eine Gewebeeigenschaft, nicht Kopfsache.

00:29:44: Was bleibt also?

00:29:45: Das alte Modell hat dir gesagt, da ist etwas defekt.

00:29:49: Und wenn etwas defekt ist, gibt es zwei Möglichkeiten.

00:29:52: Man repariert es oder man umgeht es.

00:29:54: Operation oder Tabletten.

00:29:56: Das neue Modell sagt, da läuft ein Reflex.

00:30:00: Zu oft oder es kommt zu viel mit hoch.

00:30:02: Und ein Reflex hat Auslöser.

00:30:05: Das bedeutet vier Baustellen statt einer.

00:30:09: Und das ist mehr Arbeit.

00:30:11: Das gebe ich zu.

00:30:13: Der Preis für dieses Modell ist, dass die Antwort komplizierter ist.

00:30:18: Aber es sind vier Baustellen, an die du selbst herankommst.

00:30:24: Und das war beim alten Modell nicht so.

00:30:28: Wenn du das Ganze in Ruhe nachlesen willst,

00:30:30: ich habe einen ausführlichen Artikel dazu geschrieben mit allen Quellenangaben.

00:30:35: Der ist in den Shownotes verlinkt.

00:30:38: Und wenn du beim Thema Zwerchfell einsteigen willst,

00:30:41: jetzt wo du weißt, was es tatsächlich leistet und was nicht,

00:30:45: findest du mein kostenloses E-Book dazu ebenfalls in den Show Notes.

00:30:51: Zum Schluss noch eine Sache, die mir wichtig ist.

00:30:55: Ich werde in den nächsten Wochen ältere Folgen mit einem kurzen Hinweis versehen

00:31:00: und einige Artikel überarbeiten.

00:31:03: Was ich nicht tun werde, ist so zu tun, als hätte ich immer alles gewusst.

00:31:08: Ich schreibe seit Jahren über dieses Thema und ich werde auch in Zukunft dazu lernen.

00:31:15: Der Satz, der ab jetzt unter meinen Inhalten steht, lautet Erklärmodell Version 1.0 Stand August 2026.

00:31:26: Inhalte davor können ältere Formulierungen enthalten.

00:31:31: Das ist ehrlicher als eine Behauptung, die ich nicht einlösen kann.

00:31:35: Und eine Sache lasse ich heute offen, weil sie eine eigene Folge verdient.

00:31:41: Wenn ich sage, bei dir ist nichts kaputt, dann stellt sich sofort die nächste Frage, nämlich, warum habe ich das dann?

00:31:50: Der Kollege isst mittags Currywurst mit Pommes und legt sich abends mit einer Pizza aufs Sofa und dem fehlt nichts.

00:31:57: Ich esse gedünsteten Fisch und liege trotzdem wach.

00:32:01: Wenn bei mir nichts kaputt ist, bin ich ja genauso wenig kaputt wie alle anderen.

00:32:06: Warum trifft es dann mich?

00:32:08: Das ist die Frage, die mich am häufigsten erreicht und sie hat eine Antwort.

00:32:13: Die kommt nächste Woche in Teil 2.

00:32:17: Ich bin gespannt, was du dazu denkst.

00:32:20: Wenn dir beim Zuhören etwas aufgefallen ist, das nicht zu deiner Erfahrung passt, schreib mir.

00:32:26: Genau solche Rückmeldungen bringen mich weiter.

00:32:30: Bis nächste Woche. Mach's gut.

00:33:01: Musik

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